Enterprise 2.0 – Wissensmanagement der neuen Generation?

Social Software hat in den letzten Jahren als Wissensmanagement-Instrument zunehmend an Bedeutung gewonnen. Während größtenteils anerkannt wird, dass Wikis, Weblogs und Co. einen grundlegenden Wandel der Kommunikation unterstützen, fällt es immer noch schwer, das Phänomen “Enterprise 2.0″ abzugrenzen und den Stellenwert der neuen Plattformen in den Arbeitsprozessen der Mitarbeiter zu bestimmen. Verfolgt man die Diskussion in Wissenschaft und Praxis, stellt man fest, dass dieselben Fragen wieder und wieder gestellt werden: Was ist die “richtige” Einführungsstrategie für Social Software und wie kann man deren Einführung nachhaltig gestalten? Welches Ziel wird mit der Einführung von Social Software verfolgt? In einer wissenschaftlichen Studie 1 wurde die Einführung von Social Software in 23 Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf diese Fragen hin systematisch untersucht 2. Wie sich in der Studie zeigte, sind viele der Ziele von Enterprise 2.0 mit den Zielen von Wissensmanagement vergleichbar – doch es lohnt sich gerade auf die Unterschiede zu schauen.

Exploration und Promotion

Die Analyse der Fallstudien ergab, dass von den Unternehmen zwei Einführungsstrategien entweder getrennt oder kombiniert angewandt wurden. Die Art der Anwendung blieb im Rahmen eines partizipativen Vorgehens zunächst den Nutzern überlassen und die Anwendungsszenarien wurden nach und nach identifiziert (Exploration) und/oder die Plattformen wurden im Unternehmen mit Unterstützung des Managements koordiniert vermarktet und deren gezielte Nutzung geschult (Promotion) 3. Der Notwendigkeit, die Potenziale von Social Software erst zu “explorieren”, liegt eine Kerncharakteristik von Corporate Social Software zugrunde, die in der Fachwelt “Nutzungsoffenheit” genannt wird: Da Social Software selbst keine bestimmte Art der Nutzung vorgibt, muss sich das Potenzial der Dienste erst während der Aneignung durch die Mitarbeiter zeigen. Die Dienste müssen hierfür zu einem Bestandteil der Gruppenpraktiken und organisationalen Prozesse werden.

Ziele der Einführung von Social Software

Darüber hinaus wurden sechs Ziel-Kategorien identifiziert, die in der folgenden Tabelle kurz erklärt werden.

Ziele der Einführung von Social Software in Unternehmen:

Ziel-KategorieZiel-Beschreibung
Effiziente, zielorientierte Kommunikation und Vermeidung von InformationsüberflutungOffenere Kommunikationskanäle, direktere Mitarbeiter-zu-Mitarbeiter-Kommunikation, Vermeidung bzw. bessere Bewältigung von Informationsüberflutung, Verminderung des E-Mail-Aufkommens
Effizienter WissenstransferVermeidung von Wissenssilos, Verbesserung des innerbetrieblichen Wissenstransfers, besserer Zugang zu Best Practices
Partizipation der Mitarbeiter und Schaffung einer offenen UnternehmenskulturNachhaltige Einbeziehung der Mitarbeiter, reduzierte Anonymität der Mitarbeiter, Entwicklung eines kreativen Klimas, in das sich die Mitarbeiter einbringen können und das auch gerne tun
Aufbau von ExpertennetzwerkenVerbesserung der Expertenidentifikation und Mitarbeitervernetzung, Mitarbeiter mit ähnlichem Kontext tauschen sich in Experten-Communities aus, die Weisheit der Masse wird genutzt
Gesteigerte Awareness und TransparenzBessere Sichtbarkeit der Aufgaben und Kompetenzen, mehr Transparenz über Entscheidungen und Prozesse, Serendipity
Gesteigertes Innovationspotenzial und ZukunftsfähigkeitInnovationen können schneller aufgenommen werden, neue Systeme ermöglichen zusätzliche Flexibilität und die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens, die Nachhaltigkeit wird nach außen auch für die junge Generation gezeigt.

Enterprise 2.0 versus Wissensmanagement: Gemeinsamkeiten …

Die in der Tabelle angeführten Ziel-Kategorien wurden daraufhin mit den Zielen von Wissensmanagement-Projekten aus einschlägig bekannten Studien verglichen. Dabei zeigten sich aufgrund der interdisziplinären Verwendung des Begriffs „Wissensmanagement“ größere Unterschiede bei den Zielkategorien der Studien. Gleichzeitig existiert eine Schnittmenge von Zielsetzungen, die in allen Wissensmanagement -Studien enthalten waren. Diese Wissensmanagement-Ziele lassen sich grob in vier Kategorien zusammenfassen:

  • “Schaffung von Wissensspeichern”,
  • “Förderung der Wissensteilung“,
  • “Erleichterter Zugang zu Wissen/Experten“ und
  • “Wahrnehmung des vorhandenen Wissens als unternehmenskritische Ressource”.

Die Gegenüberstellung der Ziel-Kategorien aus den Wissensmanagement-Studien mit den Ziel-Kategorien der Studie zur Einführung von Social Software zeigt, dass sich einige Ziele sehr gut einander zuordnen lassen. So besteht nach wie vor das Ziel den Wissenstransfer zu fördern oder den Zugang zu Wissen bzw. Experten zu erleichtern. Auch wurde damals wie heute das große Innovationspotenzial von Wissensmanagement bzw. Social Software betont und das vorhandene Wissen als unternehmenskritische Ressource bezeichnet.

Gleichzeitig zeigten sich im Vergleich auch deutliche Unterschiede.

Vergleich der früheren und späteren Wissensmanagement-Ziele

Vergleich der früheren und späteren Wissensmanagement-Ziele

… und Unterschiede

Eine der wichtigsten Erkenntnisse vieler gescheiterter Wissensmanagement-Projekte liegt darin, dass sich Wissen am besten verbreitet, wenn es “fließt”, d. h. fortwährend geteilt, kommentiert und verknüpft wird – und nicht in irgendwelchen “Wissensdatenbanken” verschwindet. Social Software bietet eine ideale Plattform, diesen Wissensfluss kontinuierlich aufrecht zu erhalten und die Vernetzung der Mitarbeiter zu fördern. So setzen die Unternehmen aus der Studie darauf, das Wissen der Mitarbeiter sichtbar und zugänglich zu machen, wenn es benötigt wird. Dort wo Wissen gesammelt werden soll (z. B. in Wikis), ist es für jeden nicht nur zugänglich, sondern auch schnell änderbar. Durch den Einsatz von Social Software wird also nicht mehr versucht Wissensspeicher zu schaffen, sondern es wird vielmehr der Wissensfluss unterstützt. Gleichzeitig versuchen die Unternehmen nicht mehr Wissen zu erzeugen (z. B. durch das Ablegen von Projektdokumentationen in Datenbanken), sondern zielen darauf ab, ihre Mitarbeiter vor der Informationsflut zu bewahren. An dieser Stelle muss kritisch festgehalten werden, dass Social Software im ersten Schritt zu dieser Flut beiträgt. Doch gleichzeitig bringt sie eine Vielzahl von Mechanismen mit sich, welche die einfache, zielgerichtete Kommunikation unterstützen. Dazu gehören Hash- und @-Tags sowie die Möglichkeit, dank RSS-Feeds, als Empfänger selbst bestimmen zu können, welche Informationen man erhalten möchte („Pull statt Push“).

Darüber hinaus ermöglicht Social Software den Mitarbeitern sich stärker an der Kommunikation zu beteiligen. Die Partizipation der Mitarbeiter trägt zu einer offeneren Unternehmenskultur bei. Kommentar- und Bewertungsfunktionen machen Mitarbeiter-Feedback sichtbar, Inhalte können dank des technischen Fortschritts einfach und von überall bearbeitet werden. Dazu kommt die gesteigerte Sichtbarkeit von Mitarbeiter-Aktivitäten, in sogenannten “activity streams“, in denen Inhalte aggregiert bzw. vernetzt dargestellt werden. Dies führt zu einem schnelleren und effizienteren Informationsaustausch sowie zu gesteigerter Wahrnehmung und Transparenz. Aber auch Schlagwortwolken, sogenannte Tag-Clouds, tragen zu einer besseren Übersicht über Trends und relevanten Themen bei.

Darüber hinaus…

Da die Plattformen nur das Verhalten der Mitarbeiter im Unternehmen transparent abbilden, ist es notwendig, das Unternehmen und seine Mitarbeiter besser zu verstehen, um die Einführung und Nutzung daran zu orientieren. Dabei ist die Kenntnis der Arbeitspraktiken, aber natürlich auch der Unternehmenskultur, also des Rahmens, in den diese eingebettet sind, notwendig. Aus diesem Grund spielt der Einführungs- und Veränderungsprozess eine enorm wichtige Rolle, denn dabei geht es um die Einbettung des Werkzeuges in das soziale und organisatorische System – diese Tatsache wird leider in den meisten Projekten zur Einführung von Social Software nicht verstanden oder unterschätzt.

Dieser Artikel ist eine leichte Überarbeitung eines Beitrags, der Ende Februar 2012 in “wissensmanagement – Das Magazin für Führungskräfte” erschienen ist 4

Quellen und Fußnoten:

  1. Richter, A.; Stocker, A.; Müller, S.; Avram, G. (2011): Knowledge Management Goals Revisited – A Cross-Sectional Analysis of Social Software Adoption in Corporate Environments. In: Proceedings of the 22nd Australasian Conference on Information Systems, Sydney. Gewinner des Best Knowledge Management Paper Award der ACIS 2011. Zum Artikel (auf Scribd).
  2. Zu vielen der 23 Unternehmen-Projekte sind im Internet unter www.e20cases.org Fallstudien verfügbar.
  3. Mehr über Einführungsstrategien und Nutzungsoffenheit in: Richter, A.; Stocker, A. (2011): Exploration & Promotion: Einführungsstrategien von Corporate Social Software. In: Proceedings of the 10th International Conference Wirtschaftsinformatik (WI 2011), Zürich.
  4. Richter, A.; Stocker, A. (2011): Enterprise 2.0 – Wissensmanagement der neuen Generation? In: wissensmanagement – Das Magazin für Führungskräfte. Heft 2/2012.

Ansprechpartner für diesen Beitrag

Metadaten des Beitrags

  • http://profiles.google.com/alexander.stocker Alexander Stocker

    Vielen Dank für die Veröffentlichung! LG, Alexander Stocker

  • http://twitter.com/karstenpe Karsten

    Danke für den Beitrag und Denkastoß. Hin und wieder wird versucht die
    Disziplinen gleichzusetzen oder zu kontrastieren, je nach Zielsetzung.

    I would venture to say that KM is the father and grandfather of E2.0
    and Social Business, respectively. And that’s a good thing, for
    certain, as we get to close the loop successfully, as long we move further on
    and don’t make the very same mistakes as we did back then. (Luis Suarez, 2011)

    Der Stand des Wissensmanagements im Jahre 2010 einschließlich des
    theoretischen Unterbaus ist in Wissensmanagement
    in der Sackgasse aus “Persönliche Weblogs in Organisationen. Spielzeug oder Werkzeug für
    ein zeitgemäßes Wissensmanagement?” beschrieben. Es ist die Kernfrage des Buchs, welche Rolle Social Software im Wissensmanagement
    spielen kann und welche nicht. Untersucht an der “Urform” sozialer Software,
    nämlich Weblogs. Die konzeptionellen Überlegungen sollten sich leicht
    auf andere Anwendungsklassen (Wikis, Social Networking Services) übertragen
    lassen. 

    Unter Enterprise 2.0 verstehe ich veränderte Formen der Koordination in und
    zwischen Unternehmen (Steuerungsaspekt) auf Grund veränderter
    Kommunikationsformen, die wiederum durch den Einsatz Sozialer Software
    (Infrastrukturaspekt) ermöglicht werden.

    Es geht also um “mehr” als beim Wissensmanagement, bei das Wissen im Rahmen
    der bestehenden Unternehmenssteuerung “nur” besser zur Wirkung gebracht
    werden sollte. Was natürlich ohne Rückwirkung auf Steuerungsvariablen wie
    Struktur, Prozesse, Kultur nicht funktioniert (hat). Aber das ist eine andere
    Geschichte (s. “Sackgasse” oben).

    O.k. HTML-Links kommen nicht mit … sehr bedauerlich. Hier also die URLs im “Klartext”:
    http://www.elsua.net/2011/03/28/km-enterprise-2-0-and-social-business-one-and-the-same/
    http://www.kontrollwahn.de/books/2010-Ehms-Dissertation-2.htm
    http://www.kontrollwahn.de/books/2010-Ehms-Dissertation.htm
    http://books.google.de/books/about/?id=G24rqYMy72YC&pg=PR1#v=twopage&q&f=false

  • http://profiles.google.com/alexander.stocker Alexander Stocker

    Hallo beisammen. Ich habe den Beitrag nun auch noch von meinen eigenen Blog verlinkt: http://www.alexanderstocker.at/2012/03/wissensmanagement-und-enterprise-20.html
    LG aus Graz
    Alexander Stocker

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